Ein Abend mit Günter Gaus: Die Kunst des Interviews

Ein Abend mit Günter Gauss - Die Kunst des Interviews

Im Dezember 1967 gab Günter Gaus, damals 38jährig, der "Welt"-Journalistin Anneliese de Haas ein Interview. Sein Sender, der Südwestfunk, werde sich anstrengen, sagte Gaus, "das Fernsehspiel aus einer gewissen Verdrossenheit, die es derzeit bei den Produzenten wie beim Publikum hervorruft, herauszuführen". Und dann kam er auf ein besonderes Projekt zu sprechen: "Daneben macht mir ganz persönlich eine neue Familienserie Spaß, an deren Qualität ich glaube. Wir produzieren sie in den nächsten neun Monaten, sie wird farbig sein und spielt - unter dem Titel 'Salto Mortale' - im Zirkusmilieu. Das einigermaßen umfängliche Management dieser Serie wie ihre Produktion sind für alle Beteiligten reizvoll".

Günter Gaus und die Familienserie 'Salto Mortale' - die sich dann tatsächlich als außerordentlich erfolgreich erweisen sollte - , das bringt heute kaum noch jemand zusammen. Gaus gehört zu den Publizisten, deren Lebenswerk so sehr von einer spezifischen Produktion, gar einer besonderen Stilform, geprägt ist, daß daneben wenig Erinnerungsraum für andere Facetten seines Lebenslaufes bleibt. Der Interviewer, so überschrieb die "taz" einen Artikel zu Gaus' 70. Geburtstag. Es sind die 33 Interviews seiner ZDF-Reihe "Zur Person", mit denen Gaus Fernsehgeschichte geschrieben hat. Gewiß, er machte weiter mit "Zu Protokoll" für die ARD, befragte "Deutsche" für den WDR, lieferte nach 1989 Gesprächssendungen für das (kurzzeitig noch sendende) DDR-Fernsehen, arbeitet heute noch für den ORB, im Produktionsverbund mit Alexander Kluge. Gaus verfolgte sein Interview-Projekt über Jahrzehnte mit seltender Hartnäckigkeit, und folgerichtig dienen seine gesammelten Gespräche heute im Bonner "Haus der Geschichte" als Anschauungsmaterial für die deutschen Verhältnisse. Doch die ZDF-Produktionen waren und blieben das Urmeter, wohl auch deshalb, weil das Fernsehen damals ein wirklich neues Medium war und Gaus' Fragetechniken wiederum neu im deutschen Fernsehen. Gegen den frühen Ruhm hat Gaus bis heute ankämpfen müssen.

Die kühle Präzision der Gesprächsdramaturgie war seinerzeit im Zweiten Deutschen Fernsehen nicht unumstritten. Im ZDF, das nach längeren medienpolitischen Wirren ja auch als heimeliger Gegenpol zur "kalten" ARD gegründet worden war, wurde in der Intendanz und den Gremien darüber diskutierten, ob man hochrangige Politiker so angehen durfte, wie es Gaus offenkundig mit System praktizierte. Angefangen mit Ludwig Ehrhard (1963), fühlte sich die Pominenz "auf dem Grill"; aber weil sich Gaus bald den Ruf als der politische Fernseh-Interviewer in Deutschland erorbert hatte, ließ man sich mit wohligem Schauder "zur Person" befragen. Kaum jemand verweigerte sich.

Den Juroren des damals jungen Grimme-Preises erschien die Gaus-Reihe als Exempel für politisches Aufklärungsfernsehen, und so bekam Gaus die Trophäe gleich zweimal nacheinander, für die (heute legendären) Sendungen mit Hannah Arendt und Gustaf Gründgens. Als Gaus 1965 Programmdirektor und stellvertretender Intendant des SWF geworden war, und damit als Mitarbeiter des ZDF ausschied, schrieb der 'Kölner Stadtanzeiger': "Für den Mainzer Kanal bedeutet das Ende dieser Reihe einen spürbaren Verlust. Gaus' Gespräche des Monats gehörten mit Abstand zu dem Besten, was seit Beginn der Sendezeit über den Zweiten Kanal lief." Dem ZDF war ein Markenzeichen abhanden gekommen, das schon in den 60er Jahren den zeitgenössischen Beobachtern hinreichend Stoff für Interpretationen geboten hatte:

- Paul Sethe in der Zeit: "Wenn man 'neuartig' sagt, so bezweifelt man natürlich nicht, daß die Zeitungsleute schon lange die Kunst des Interviews pflegen. Aber die Gespräche, die Gaus geführt hat, bedeuten in dieser Gattung einen wichtigen Schritt nach vorn. Die überkommene Form ist weiterentwickelt worden. Man spürt, wie schwer Gaus es sich gemacht hat; nur so ist die scheinbar leicht dahinfließende Form dieser Gespräche möglich. Er hat sich jedesmal auf das Gründlichste vorbereitet, er kennt das Leben, die Schriften, die Familienverhältnisse, die politischen Meinungen des Befragten. Von so sicherem Besitz aus kann er darangehen zu fragen. (Alte Weisheit für den Journalisten: nur dem öffnen sich die Herzen der Befragten, der sichtbar machen kann, daß er von den Dingen etwas versteht und den Partner auf neue Wege des Nachdenkens führt.)."

- Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau: "Gaus' Technik des Interviews, in 'Zur Person' virtuos entwickelt, beruhte auch in seiner neuen Sendung nie darauf, nur Fragen zu stellen, denen eine beliebige Antwort den Mund stopfen könnte. Durch seine präzisen, knapp und provozierend gestellten Fragen wird schon vorweg das Urteil über die Antwort bestimmt. Hat sie nicht die gleiche klare, genaue Schärfe des rationalen Arguments, so verfällt sie unweigerlich dem Urteil, das sie sich selbst spricht."

Und schließlich Reinard Baumgart im Spiegel, in einer Besprechung der Buchversion von "Zur Person": "Es lohnt sich also, den hier Redenden auf die Sprache zu sehen, lohnt genauso wie früher der Blick auf ihre redenden oder zuhörenden Gesichter. Die sprichwörtlichen Millionen zwar werden diese Interviews kaum nachlesen, doch wenn es Zehntausende täten, wäre es schon genug... Denn in diesen Interviews ist es Günter Gaus gelungen, den Nebel von Ideologie und offiziöser Rhetorik wegzublasen, der Politik seit langem verhüllt. Er hat sie wieder zurückgeführt auf das Konkreteste, auf die Personen, die Politik produzieren."

Allerdings hatte schon Baumgart zu den realen Sendungen bemerkt, daß es den Millionen ZDF-Zuschauern "so ergangen sein wird wie mir: Auch sie werden oft mehr gesehen als zugehört haben. Immer wieder nämlich gaben die aufdringlich nahen Gesichter deutlichere Antwort als ihre Sätze". Gaus selbst bezeichnete es als Köhlerglauben der Publizistik, daß es bei besonders bohrenden Fernseh-Interviews auf offener Szene zu Enthüllungen und faktischen Geständnissen kommen könnte. Die Gaus'sche Methode zielte also auf die Nuancen, die Zwischenräume, Mimik und Gestik, das Rauchen und das Atemholen, kurz: auf eine Ahnung vom Gesamtbild der Person. Gaus, als Interviewer beinahe unsichtbar, inszenierte den Gegenüber durch die strenge Abfolge der Fragen: "Ich will nicht mit Ihnen diskutieren", sagte er ein ums andere Mal.

Wer so auftreten wollte und konnte wie Gaus, brauchte wohl ein starkes Gefühl für die eigene Bedeutung, auch eine Portion Eitelkeit und den Glauben an das Recht auf rasche Karriere. Gaus, der protestantische Kaufmannssohn aus Braunschweig, Jahrgang 1929, hatte den Tagesjournalismus an der Basis bei der "Badischen Zeitung" und der "Deutschen Zeitung" gelernt und war von 1958 - 1961 "Spiegel"-Redakteur, bevor er sich in der politischen Redaktion der "Süddeutschen" schon mit Politiker-Portraits einen Namen machte. Beim SWF moderierte er neben seiner Arbeit als Programmchef das Magazin "Report Baden-Baden". Von 1969 bis 1973 war er neben Johannes K. Engel Chefredakteur des "Spiegel", als das Blatt sowohl mit der Studentenrevolte als auch mit der sozialliberalen Koalition umgehen mußte. Es folgten die Jahre als Staatssekretär und "Ständiger Beauftragter" der Bundesrepublik in der DDR (1973 - 1981) und noch eine kurze Episode als Wissenschaftssenator in Berliner Senat unter Hans-Jochen Vogel. Seither arbeitet Gaus als Publizist und Analytiker des deutsch-deutschen Einigungsprozesses. "Wir sind dumme Sieger", sagt Gaus über das Supremat der West- über die Ostdeutschen, und als publizistisches Gegengewicht hat er seine Fernsehinterviews im letzten Jahrzehnt auf Politiker, Künstler, Dissidenten aus der ehemaligen DDR zentriert. Daß sich der "Ständige Beauftragte" auf die DDR, ihre Bevölkerung und ihre Geschichte stärker einließ, als man dies von einem westdeutschen Starjournalisten hätte erwarten können, führte zu furiosen Reaktionen. Über Gaus' Monographie "Die Welt der Westdeutschen" schrieb der konservative Historiker Michael Stürmer im "Spiegel": "Dieser Politik- und Gesellschaftskritik fehlen historische Ernsthaftigkeit und begriffliche Schärfe. Sie bleibt tangential, kokettierend mit der eigenen Intellektualität... Wie kann ein Mann der politischen Exekutive solches schreiben? Anders gefragt: Wie konnte er je diesen Staat vertreten?"  Gaus' Nachfolger in Ostberlin, Klaus Bölling, bezichtigte ihn einer gewissen "Kameraderie" mit den DDR-Mächtigen, der "Tagesspiegel" legte noch 1999 nach: "Kaum jemand hat die DDR so gut gekannt wie Gaus. Kaum jemand vermisst sie so sehr wie er."

Gaus hat 1984 auf den "Mainzer Tagen der Fernsehkritik" dem Medium Fernsehen im Sinne Neil Postmans attestiert, es trage maßgeblich zum "Ende der Aufklärung" bei, und diese Auffassung vertritt er weiterhin. Es ist natürlich frappierend, daß ein Mann, der seinen Ruhm vornehmlich dem Fernsehen verdankt, eben dieses Kommunikationsmittel für demokratiegefährend hält (immerhin mit der Einschränkung: "Es gibt Ausnahmen. Herrliche Ausnahmen. Mehr nicht"), wahrscheinlich hat aber in diesem Fall tatsächlich die Distanz zum Fernsehbetrieb erst die Qualität der Sendungen ermöglicht. Die FAZ interpetierte noch jüngst, Gaus' TV-Interviews "mit ihrer kargen Dekoration, ihren der breiten Öffentlichkeit oft unbekannten Gästen und der manierierten, von absichtsvollen Kunstpausen durchzogenen Sprache des Interviewers", der auch mit seinen politischen Ansichten nicht hinterm Berg halte, seien "eine einzige Kampfansage gegen das Massenmedium". Man kann sich hier fragen, was "das Massenmedium" ist, und ob Günter Gaus mit seiner Art, Gespräche zu führen, die realen Möglichkeiten des Mediums stärker aufgezeigt hat, als die Kritiker, die Programm-Manager, vielleicht sogar er selbst, wahrhaben wollen. Dies wird eine der Fragen sein, die Gaus und Roger Willemsen, der ihn beim Kölner Fernsehfest interviewen wird, klären könnten. Daß Günter Gaus dem Medium doch nicht so fern war, zeigen nicht nur die einzigartigen TV-Gespräche, sondern auch der frühe "Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis" von Peter Schulze-Rohr (1971), in dem der Staatssekretär eine Textrolle (Chef der Fluglotsen) übernahm - mit sichtlicher Spielfreude.