Roman Polanski hat sich immer dagegen gewehrt, sein Leben und Werk allzu eng miteinander in Verbindung zu bringen. Vielleicht weil die Verknüpfung so nahe liegt wie bei kaum einem anderen Regisseur: Die pessimistische Weltsicht vieler seiner Filme, ihre erschütternden Grausamkeiten, ihr Sinn für das Absurde der menschlichen Existenz scheinen nur zu gut zu einer Biografie zu passen, die geprägt wurde von Erfahrungen willkürlicher Gewalt.
Der 1933 geborene Polanski ist ein Überlebender. Dem jüdischen Ghetto von Krakau entkam er 1943 nur knapp. Er verbrachte die letzten Kriegsjahre versteckt bei einer katholischen Familie. Seine Eltern wurden in Konzentrationslager verschleppt, die Mutter in Auschwitz ermordet. Kurz nach dem Krieg fügte dem 15-Jährigen ein jugendlicher Serienmörder eine schwere Kopfverletzung zu, erneut entkam Polanski haarscharf mit dem Leben. Im August 1969, wenige Tage vor seinem 36. Geburtstag, wurde seine hochschwangere Frau Sharon Tate in Los Angeles von Charles Mansons Gang auf bestialische Weise getötet. Polanski war zu dem Zeitpunkt gerade in Europa unterwegs.
Der erste Film, den er nach diesem schwersten Schicksalsschlag drehte, war eine bluttriefende Adaption von Shakespeares „Macbeth“ (1971). Doch als kathartische Überwindung des eigenen Traumas wollte er den Film nicht verstanden wissen, ihn interessierte vielmehr die Herausforderung, Shakespeare auf die Leinwand zu bringen. Als Regisseur mag Polanski in einer Zeit geprägt worden sein, als in Ost- und Westeuropa die „Neuen Wellen“ den Film-Auteur in den Vordergrund rückten, der aus seinem Leben Kunst schöpft – Polanski ist aber ebenso im klassischen Sinne Handwerker, dem es darum geht, immer das Beste aus der gegebenen Aufgabe herauszuholen.
Roman Polanski ist ein brillanter Könner, der seine Mitarbeiter mit seinem enzyklopädischen Wissen über das Filmemachen beeindruckt; ein Perfektionist, der gerne in langen, ununterbrochenen Einstellungen dreht und damit alle am Set herausfordert; ein Universalist, der sich schon in fast allen Genres probiert hat: vom historischen Drama über psychologischen Horror bis hin zur klamaukigen Komödie.
Die Tatsache, dass Polanski in gleichem Maße Künstler wie Handwerker ist, dürfte auch der Grund dafür sein, dass er zu einer ganz kleinen Gruppe von Regisseuren gehört, deren Werk in Europa wie in Amerika hoch geschätzt wird. Kaum ein anderer lebender oder toter Filmemacher hat auf beiden Kontinenten mehr renommierte Preise verliehen bekommen: In Berlin bekam er 1966 den Goldenen Bären für „Cul-de-Sac“ (deutscher Titel: „Wenn Katelbach kommt ...“), in Venedig 1993 einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk, in Cannes 2002 eine Goldene Palme für „Der Pianist“; in den USA erhielt er 1974 einen Golden Globe für „Chinatown“ und 2003 – nach zuvor vier Nominierungen – den Oscar für „Der Pianist“.
Schon früh zeigte sich, dass Polanski als Filmemacher einen eigenen Weg gehen würde. Als Student an der renommierten Filmschule von Lodz drehte er einige Kurzfilme, die sogleich international ausgezeichnet wurden. Sein erster Spielfilm „Das Messer im Wasser“ (1962) war eine kleine Sensation in seinem Heimatland Polen. Der Film war in doppelter Hinsicht auffalllend: Zum einen suchte sich Polanski ein Segelboot als Drehort aus, was auch für weit erfahrenere Regisseure eine Herausforderung bedeutet hätte, zum anderen eckte er politisch an, gerade weil sein Film weitgehend unpolitisch war. Die kommunistischen Zensoren mochten „Das Messer im Wasser“ nicht, weil der subtile Thriller die staatragende Botschaft vermissen ließ.
Der Erfolg seines Debüt-Spielfilms ermöglichte Polanski den Sprung in den Westen. In London drehte er „Repulsion“ (1965) mit der jungen Cathérine Deneuve. Wieder beschränkt sich der Film weitgehend auf einen begrenzten Handlungsort: Eine kleine Wohnung in London, in der die von Deneuve gespielte Kosmetikerin langsam in den Wahnsinn abgleitet. Mit seinem ersten in den USA gedrehten Film „Rosemary’s Baby“ (1968) landete er gleich einen großen Erfolg bei Publikum und Kritikern. Hier ist es Mia Farrow, die in einer unheimlichen Wohnung den Verstand zu verlieren droht – diesmal allerdings mit gutem Grund. Polanskis größter Triumph in seiner Zeit in den USA war der Neo noir „Chinatown“ (1974). Er machte dabei aus einem Meisterwerk einen Klassiker, indem er das Happy End des Drehbuchs durch einen düsteren Schluss ersetzte.
Aus den USA floh der Regisseur 1978, weil ihm nach einer Affäre mit dem minderjährigen Model Samantha Gailey Gefängnis drohte. Die Details des Falls sind noch immer nicht geklärt. Nachdem im vergangenen Jahr der Dokumentarfilm „Roman Polanski: Wanted and Desired“ jedoch den damaligen Richter des Falles schwer belastete, versuchte Polanski eine Neuaufnahme des Verfahrens zu bewirken – allerdings ohne Erfolg. Samantha Gailey selbst hatte ihm bereits 1997 öffentlich verziehen.
Der Einzelne, der zum Spielball böser Mächte wird, ist auch nach Polanskis Rückkehr nach Europa in den späten 70er Jahren ein Hauptmotiv seines Werks. In den Literaturverfilmungen „Tess“ (1979), „Der Pianist“ (2002) und „Oliver Twist“ (2005) geht es stets um Unschuldige, die sich gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung erwehren müssen. Für „Der Pianist“ kehrte der in Frankreich lebende Polanski erstmals nach vierzig Jahren zum Drehen nach Polen zurück. Sein wohl persönlichster Film entstand auf Basis der Memoiren des jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman, der mit Glück im von den Nazis besetzten Warschau überleben konnte.
Nach „Oliver Twist“ sollte Polanski Regie bei dem Monumentalfilm „Pompeji“ führen – es wäre sein bislang größtes Projekt gewesen. Doch Ende 2007 wurden die Vorbereitungen unter anderem wegen Problemen mit den Drehorten und dem Drehbuch gestoppt. Momentan schneidet Polanski an seinem 18. Spielfilm, „Ghost“, einer Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Robert Harris („Fatherland“). Ewan McGregor spielt darin einen Ghostwriter, der sich in Lebensgefahr begibt, als er den Job annimmt, die Memoiren eines ehemaligen britischen Premierministers zu schreiben. Mit Mitte 70 versucht sich Roman Polanski also erneut an einem neuen Genre: dem Polit-Thriller. Im Februar 2010 soll „Ghost“ in die deutschen Kinos kommen.