Sie herzte sanft ihr Spielzeug
Bevor sie es zerbrach
Und hatte eine Sehnsucht
Und wusste nicht wonach
Weil sie einsam war
Und so blond ihr Haar
Und ihr Mund so rot wie Wein
Und wer von diesem Wein trank
Konnt' nie mehr glücklich sein
Das „Lied vom einsamen Mädchen“ schrieb und sang Nico für ihr letztes Album "Camera Obscura" von 1985, drei Jahre vor ihrem Tod. Kindheit, Sehnsucht, Todessehnsucht, Einsamkeit, Liebe und Schmerz sind die immer wiederkehrenden Themen ihres Lebens und ihrer Kunst.
Nico war Model, Schauspielerin und Musikerin. Während sie im Modeljob einen Broterwerb sah und in ihren Filmen mehr sich selbst spielte als ihr schauspielerisches Talent zu beweisen, fand sie als Songschreiberin und Sängerin zu ihrem künstlerischen Ausdruck. Nicos Musik beeinflusste die Strömungen Dark Wave, Gothic, Punk, Ambient und Pop. Solokünstlerinnen wie Björk, Patti Smith oder Cat Power ließen sich von Nicos konsequentem Stil und ihren eigenwilligen Songs, die oft vom Süßen ins Tragische und zurückkippen, inspirieren.
Am 16. Oktober 1938 wird Nico als Christa Päffgen in Köln geboren. Sie wächst bei ihrer Mutter Margarete und bei den Großeltern in Lübbenau bei Berlin auf und siedelt später mit der Mutter nach Berlin über. Der Fotograf Herbert Tobias entdeckt Nico als Fotomodell und macht erste Aufnahmen von ihr. Modemacher Heinz Oestergaard engagiert sie als Mannequin. Ab dem Alter von 16 Jahren pendelt Nico als Model zwischen Berlin, Paris, London und Rom.
1959 lässt sie sich Paris nieder und verliebt sich in den zwanzig Jahre älteren Filmemacher Nico Papatakis, dessen Namen sie übernimmt. Ihren ersten Filmauftritt hat sie im Fellini-Film "La Dolce Vita" (1961). Während der Dreharbeiten lernt sie Alain Delon kennen. Als Nico kurz darauf schwanger wird und Delon als Vater nennt, bestreitet Delon die Vaterschaft. 1962 kommt Aaron Päffgen, genannt Ari, zur Welt. Nico und Delons Mutter Edith Boulogne ziehen Ari gemeinsam auf. Weil Nico es in Paris nicht länger aushält, zieht sie nach London. Hier nimmt sie ihre erste Single The Last Mile/I'm Not Sayin´ für das Label des Rolling-Stones-Managers Andrew Loog Oldham auf, und Bob Dylan schenkt ihr das Lied "I'll Keep lt With Mine".
Nico bringt Ari bei ihrer Mutter auf Ibiza unter und geht nach New York, wo sie Schauspielstunden an der Schule von Lee Strasberg besucht. Die attraktive, elegische Deutsche gehört bald zur New Yorker Szene. Bob Dylan stellt sie Andy Warhol vor, der ihr eine Rolle im Film "Chelsea Girls" gibt und sie der Band "The Velvet Underground" als Sängern zuführt. Nico hat eine Affäre mit Lou Reed, der für sie "Femme Fatale", "All Tomorrow's Parties" und "I'll Be Your Mirror" komponiert. Die engelsgleiche Nico mit der tiefen Stimme wird zum androgyn-mysteriösen Star von "The Velvet Underground" und von Warhols "Factory". Ihre Liebhaber heißen Jim Morrison, Jackson Browne oder Leonard Cohen. Cohen widmet ihr das Liebeslied "Take This Longing" und gibt ihr den wertvollen Rat, ihren Sologesang mit einem Harmonium selbst zu begleiten.
Als Nico erfährt, dass ihrer Mutter schwere Paranoia und die Parkinsonsche Krankheit diagnostiziert wurden, holt sie ihren Sohn nach New York. Ari wird das Maskottchen der "Factory". Nächtelang muss er mit seiner Mutter herumziehen, bis Edith Boulogne ihn aufnimmt und 1978 adoptiert. Nach dem Bruch mit "The Velvet Underground" erscheint Nicos erstes Soloalbum "Chelsea Girl" (1968), auf dem ihre Stimme leise, düster und verzweifelt klingt. Der Verehrer ihrer Stimme, ihres Harmoniumspiels und ihrer starken, schwermütigen Persönlichkeit, John Cale, arrangiert und produziert Nicos weitere Soloalben "Marble Index" (1968), "Desertshore" (1970) sowie ihr letztes Album, "Camera Obscura" (1985).
Nico zieht sich mehr und mehr von der Umwelt zurück. Dass 1970 ihre Mutter Margarete an einer Lungenentzündung stirbt, stürzt Nico in Verzweiflung. Margaretes Tod wird sie nie verwinden. Auf Konzerten performt Nico häufig das Lied Mütterlein mit den Zeilen:
Liebes kleines Mütterlein
Nun darf ich endlich bei Dir Sein
Die Sehnsucht und die Einsamkeit
Erlösen sich in Seligkeit.
Nico geht wieder nach Paris. Sie verliebt sich in den französischen Filmemacher Philippe Garrel, mit dem sie eine lebenslange, komplizierte Leidenschaft verknüpft. Garrel dreht Filme über sie, seine Beziehung zu ihr und setzt sie als Darstellerin ein. Nico tritt in Paris solo mit ihrem Harmonium auf und beginnt Heroin zu nehmen. Bei einem Gastspiel trifft Nico auf den 14 Jahre jüngeren Berliner Musiker Lutz Ulbrich, der sie von da an treu begleitet. Er ist dabei, als Nico 1974 in London mit Brian Eno und John Cale auftritt und später mit ihnen den Jim Morrison-Song "The End" aufnimmt. Dass Nico im Ausland, vor allem in Frankreich, verehrt wird, jedoch kaum Anerkennung in Deutschland findet, kränkt Nico, die oft stolz erzählt, dass sie Deutsche ist. Der britische Konzertveranstalter Alan Wise überredet Nico, nach Manchester zu ziehen. Er beschafft ihr Begleitmusiker, organisiert Konzerte, Tourneen und beschafft ihr Drogen. Nico verwahrlost, trägt wochenlang dieselbe, schwarze Kleidung, schminkt sich nicht, wäscht sich und ihre Haare selten, bleibt tagelang unter Drogen im Zimmer und raucht Kette. Das Harmoniumspiel und die drei Schuss Heroin pro Tag, die sie inzwischen braucht, schenken ihr Trost. Weil die Drogen teuer sind, muss sie immer wieder auftreten. Auf ihren Konzerten gibt sie, sehr authentisch, eine tragische Figur ab. Mit Ende 40 hat Nico das Image vom Dolce Vita-Model endgültig hinter sich gelassen. Aus dem elegant-interessanten Engel ist ein Alien mit rissiger Haut und kaputten Zähnen geworden. Freunde erkennen sie auf der Straße nicht wieder.
Ari zieht zu seiner Mutter nach Manchester und beginnt, Heroin zu spritzen. Nico brüstet sich damit, ihn angefixt zu haben, was Ari bestreitet. Mutter und Sohn leben wie ein Paar. Sie teilen sich ihre Spritzen und schlafen in einem Bett.
Als die LP "Camera Obscura" 1985 erscheint, lobt die Kritik das Album, und Nico schöpft Mut. Sie absolviert wieder bessere Bühnenauftritte, steigt nach 15-jährigem Heroinkonsum auf Methadon um und ernährt sich strikt vegetarisch. Sie arbeitet an einer Biographie und an einer neuen Platte. Im Juni 1988 bejubelt das Publikum Nico und ihre Band "The Velvet Underground" bei einem Berliner Festival, das Lutz Ulbrich, ihr Ex, organisiert. "You Forget to Answer" mit den Zeilen:
You seem not to be listening
The high tide is taking everything
And you forget to answer
ist der letzte Song, den Nico auf einer Bühne singt. Seit dem Konzert in Berlin leidet Nico unter Kopfschmerzen. Sie mietet für sich und Ari ein Haus auf Ibiza. Am 18. Juli 1988 radelt sie bei größter Mittagshitze in ihrem typischen Outfit, schwarzer Lederhose und schwarzem Sweatshirt, nach Ibiza-Stadt. Auf dem Weg zum Marktplatz stürzt sie infolge eines Schwächeanfalls vom Rad. Ein Paar findet sie und sucht bei mehreren Ärzten der Insel Hilfe für sie. In einer Klinik operiert man sie endlich. Doch sie stirbt an den Folgen eines Blutgerinnsels im Gehirn. Lutz Ulbrich, eingeladen von Nico, landet am selben Tag auf Ibiza. Er sieht Nico nicht mehr lebend. Er kann sich nur noch mit Ari um die Bestattung kümmern. Am 16. August 1988 wird Nicos Asche neben ihrer Mutter beigesetzt, auf dem sogenannten Selbstmörderfriedhof in Berlin-Grunewald.